Dort, wo Carolyn Rodrigues-Birkett aufwuchs, gab es keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine geteerten Straßen. Lesen und schreiben lernte sie im Schein einer Öllampe. So erzählt sie das heute, fünf Jahrzehnte später, wenn sie auf ihre Kindheit in Santa Rosa zurückblickt, einem entlegenen Dorf der indigenen Gruppe der Arawak. Santa Rosa liegt im Nordwesten von Guyana, unweit der Grenze zu Venezuela. Von dort nahm eine so unwahrscheinliche wie erstaunliche diplomatische Karriere ihren Lauf. Und heute, im Jahr 2026, in einer Welt der Krisen, Kriege und Kakofonien, hat Carolyn Rodrigues-Birkett gute Aussichten auf einen der einflussreichsten Jobs auf Erden. Sie gilt derzeit als die Favoritin auf die Nachfolge von UN-Generalsekretär António Guterres.
Der portugiesische Sozialist Guterres tritt nach zwei Amtszeiten zum Jahreswechsel ab. Das hochkomplexe Auswahlverfahren für eine neue Chefin oder einen neuen Chef an der Spitze der Vereinten Nationen in New York läuft schon seit einigen Monaten und es ist auch noch längst nicht entschieden. Aber in der amerikanischen Sommerhitze hat es so richtig Fahrt aufgenommen.
Das Prozedere ist ein bisschen wie bei der Papstwahl
Es gibt es inzwischen acht Kandidaten, drei Männer und fünf Frauen. Darunter sind Rafael Grossi, der argentinische Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, und Michelle Bachelet, die zweimalige Staatspräsidentin Chiles. Der größere Teil des Bewerberfeldes indes dürfte allenfalls den Feinschmeckern der internationalen Diplomatie ein Begriff sein – etwa Olara Otunnu aus Uganda oder die beiden Ecuadorianerinnen Ivonne A-Baki und María Fernanda Espinosa.
In diese Kategorie gehörte, mit Verlaub, auch Carolyn Rodrigues-Birkett. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als sie plötzlich zur Spitzenreiterin in einem Schneckenrennen aufstieg. Sollte sie tatsächlich zur UN-Generalsekretärin gewählt werden, wäre sie die erste Frau auf diesem Posten. Und natürlich auch die erste Person mit indigenen Wurzeln.
Rodrigues-Birketts derzeitige Favoritenrolle gründet sich nicht auf dem Bauchgefühl von Experten oder auf den Quoten von Buchmachern, sondern auf ersten Vorwahlergebnissen. Über den Sommer fanden im UN-Hauptquartier in Manhattan die ersten beiden einer ganzen Reihe von Straw Polls statt. Das sind inoffizielle Abstimmungen unter den 15 Mitgliedern des Sicherheitsrats, um Stimmungen und Chancen auszuloten.
Man muss sich das ein bisschen so vorstellen wie bei der Papstwahl: Alle Länder, die im Sicherheitsrat vertreten sind, also die fünf ständigen Vetomächte USA, China, Russland, Frankreich und Großbritannien sowie die zehn nicht ständigen Mitglieder, geben bei diesen Straw Polls in geheimer Wahl ein vorläufiges Votum für jede einzelne Kandidatin und jeden Kandidaten ab.
Schon mit 27 Jahren war sie Ministerin in ihrer Heimat
Es gibt drei Möglichkeiten: „Zustimmung“, „Ablehnung“ oder „keine Meinung“. Dabei hat Carolyn Rodrigues-Birkett in der jüngsten Abstimmung (acht Zustimmungen, drei Ablehnungen, vier Enthaltungen) besser abgeschnitten als sämtliche Konkurrenten. Niemand weiß, wer die drei Ablehner sind. Aber man weiß jetzt immerhin, dass diese Frau aus dem kleinen Guyana nach Lage der Dinge am wenigsten Widerstand auf dem Weg in den UN-Chefsessel zu erwarten hat. Auf dem zweiten Platz liegt derzeit Rebeca Grynspan, die ehemalige Vizepräsidentin von Costa Rica (7-4-4). Die Bewerbungen von Grossi und Bachelet werden jeweils von sechs Sicherheitsratsmitgliedern abgelehnt.
Wann die nächste Straw Poll stattfindet oder gar die eigentliche Wahl – auch das ist etwa so vorhersehbar wie beim Konklave im Vatikan. Gewinnen kann aber nur, wer am Ende von keiner der fünf Vetomächte abgelehnt wird, es muss also eine Kandidatin oder ein Kandidat sein, mit dem sowohl Donald Trump, Wladimir Putin und Xi Jinping, aber auch Emmanuel Macron und Andy Burnham leben können. Kurzum: Gesucht wird eine Person, die eigentlich gar nicht existieren kann. Auf der anderen Seite haben die Vereinten Nationen vom 1. Januar 2027 an formell keinen Generalsekretär mehr, wenn es keine Lösung gibt. Auf irgendwen wird man sich also einigen müssen.
Carolyn Rodrigues-Birkett, die an diesem Mittwoch 53 Jahre alt wird, verließ ihre indigene Gemeinschaft früh, um auf die weiterführende Schule zu gehen und zu studieren. Bereits im Alter von 27 Jahren hatte sie es zur Ministerin für indigene Angelegenheiten in Guyana gebracht. Später stieg sie zur Außenministerin auf, seit 2020 ist sie die UN-Botschafterin ihres Landes in New York und gilt dort unter Insidern als besonders gut vernetzt.
In den Jahren 2024 und 2025 vertrat sie Guyana im Sicherheitsrat und übernahm auch zweimal turnusgemäß den Vorsitz. Als UN-Generalsekretärin wolle sie eine „neutrale Vermittlerrolle“ einnehmen, sagte sie zuletzt immer wieder. Und: „In diesem Job muss man sein Ego an der Tür abgeben.“ Das kommt offenbar nicht schlecht an in einem Gremium, in dem es an Egos nicht unbedingt mangelt.
Russland und den USA missfällt die Demokratisierung des Wahlverfahrens
Ob es am Ende für sie reichen wird, ist deshalb aber noch lange nicht ausgemacht. In der Historie haben sich bei dieser Wahl oft Bewerber durchgesetzt, die zu Beginn niemand auf dem Zettel hatte und die erst im letzten Moment als Konsenskandidaten auftauchten. Dazu zählen unter anderem Ban Ki-moon und Kofi Annan. In diesem Jahr ist das Generalsekretärsfindungsverfahren aber auch wegen Annalena Baerbock von besonderem Interesse.
Deren einjährige Amtszeit als Präsidentin der Generalversammlung ist zwar schon wieder vorbei. Aber es ist zweifellos die bedeutendste Hinterlassenschaft ihrer kurzen Zeit bei den Vereinten Nationen, dass sie dem Auswahlprozess für die Nachfolge von Guterres zu mehr Aufmerksamkeit und mehr Transparenz verholfen hat.
In der Theorie wählt die UN-Generalversammlung einen Generalsekretär auf Vorschlag des UN-Sicherheitsrats. In der Praxis war es bislang stets so, dass die 193 Mitgliedstaaten einfach jenen Kandidaten abgesegnet haben, auf den sich der Sicherheitsrat zuvor verständigt hatte. Baerbock hat in den vergangenen Monaten vehement für ein echtes Mitspracherecht der Generalversammlung gekämpft. Sie hat unter anderem öffentlich Diskussionsrunden mit den Kandidaten organisiert und entgegen ihrer Rolle als unparteiische Versammlungspräsidentin darauf hingewiesen, dass in den ersten 80 Jahren ausschließlich Männer an der Spitze der UN standen. „Es ist Zeit für eine Frau“, sagte sie im SZ-Interview.
Russland und insbesondere die USA haben sehr deutlich gemacht, wie sehr ihnen die Demokratisierung des Wahlverfahrens missfällt. Zwischenzeitlich gab es in New York sogar das Gerücht, Donald Trump wolle seine Ehefrau Melania für den Posten der Generalsekretärin ins Spiel bringen. Nun scheint Trump wohl eher Ivonne A-Baki, die ehemalige Handelsministerin Ecuadors, zu unterstützen. Es heißt, die beiden würden sich kennen und schätzen, seit A-Baki im Jahr 2004 Trumps Miss-Universe-Wettbewerb nach Quito holte. Bei der jüngsten Straw Poll landete A-Baki auf dem letzten Platz.
Bei der anstehenden großen Woche der UN-Generalversammlung in New York Ende September dürfte es auch die Gelegenheit geben für den ein oder anderen Hinterzimmerdeal bezüglich der Generalsekretärswahl. In einem sind sich fast alle einig: Wenn die Vereinten Nationen relevant bleiben wollen, dann sollte am Ende eine Person gewinnen, die nahezu Unmögliches schaffen kann.

