Wer in einem Suppen-Restaurant in der südwestchinesischen Provinz Yunnan wilde Pilze bestellt, bekommt mit dem Kochtopf auch einen Timer auf den Tisch gestellt. Mindestens 15 Minuten müssen die Pilze kochen. Sonst läuft man Gefahr, kleine Figuren zu halluzinieren. So erzählt es der Ethnobiologe Colin Domnauer von der University of Utah. Er hat mit Menschen gesprochen, die den Pilz halb gar gegessen haben. Einer etwa erzählt, wie danach winzige Wesen auf seinem Tisch auftauchten, seine Schüssel hochkletterten und in die Suppe sprangen.
In der Forschung ist das Phänomen als „Liliput-Halluzination“ bekannt, benannt nach den winzigen Bewohnern der Insel Liliput im Roman „Gullivers Reisen“. Die halluzinierten Figuren sind meist zwischen drei und zwanzig Zentimeter groß, kommen in Scharen von Hunderten und sehen sehr realistisch aus. Sie interagieren mit der Außenwelt und halten sich an physikalische Gesetze wie die Schwerkraft. Und Menschen aus verschiedensten Kulturkreisen haben diese Halluzinationen kleiner Männchen in ihrer Umgebung, wenn sie Pilze der Gattung Lanmaoa gegessen haben, ohne sie lange genug gekocht zu haben.
Erste Berichte über die seltsamen Pilze kamen in den 1930ern aus Papua-Neuguinea. In den 1990ern tauchten ähnliche Erzählungen aus China und später auch von den Philippinen auf. Domnauer bereiste die beiden letzteren Gebiete, besuchte lokale Märkte und fragte Verkäufer, welche ihrer Pilze die Halluzinationen auslösten.
Die Liliput-Halluzination ist mehr als nur ein kultureller Mythos
Seine Pilz-Ausbeute untersuchte er mit seinem Kollegen Bryn Dentinger im Labor, ihre Ergebnisse veröffentlichten sie diesen Sommer in der Fachzeitschrift Mycologia. Die DNA-Analyse zeigte: Bei den Proben aus China und den Philippinen handelte es sich um dieselbe Spezies. In China sei Lanmaoa asiatica bereits bekannt gewesen, so Domnauer. Er ist davon überzeugt, dass die Halluzinationen nicht kulturell geprägt sind, „sondern dass eine körperliche Erklärung dahintersteckt“.
Der Psychiater Jan Dirk Blom von der Universität Leiden hat die bislang einzige systematische Übersichtsarbeit zu Liliput-Halluzinationen verfasst. Zwar könne die Art und Weise, wie die Figuren sich kleiden oder verhalten, kulturell geprägt sein, teilt er auf Anfrage mit. Dennoch sei er ebenfalls der Meinung, dass es sich um ein „durch und durch biologisches Phänomen“ handele. Für seine Arbeit, die 2021 im Fachblatt Neuroscience and Biobehavioral Reviews erschien, hat er 226 Fälle der Halluzinationen ausgewertet. Sie treten demnach nicht nur nach Pilzkonsum auf, sondern auch bei Schizophrenie, Alkoholabhängigkeit oder dem Verlust des Augenlichts.
Blom vermutet, dass die Halluzinationen etwas mit Größenkonstanz zu tun haben. Also mit der Fähigkeit des Gehirns, dieselben Objekte trotz unterschiedlicher Entfernung in konstanter Größe wahrzunehmen. Wie dieser Mechanismus aber durch bestimmte Chemikalien in den Pilzen teilweise abgeschaltet werden könnte, sei ein „wahres Rätsel“.
Domnauer und Dentinger haben weder Ibotensäure noch Psilocybin in ihren Proben gefunden. Die zwei bekannten Halluzinogene stecken in Fliegenpilzen und sogenannten Magic Mushrooms. Beide sind Lamellenpilze, die nur sehr entfernt mit Lanmaoa asiatica verwandt seien, so Domnauer. Die Forscher versuchen nun, die neue psychoaktive Substanz zu isolieren.
Deren Markenzeichen scheinen die Liliput-Halluzinationen zu sein, so Domnauer. Keine andere ihm bekannte Substanz löse diese so zuverlässig aus. „Aber es ist nicht so, dass man nach dem Verzehr dieses Pilzes einfach nur kleine Menschen sieht und ansonsten völlig unbeeinträchtigt bleibt“, sagt der Forscher. Auch andere Halluzinationen, doppeltes oder verschwommenes Sehen seien möglich. Ebenso kommen Übelkeit, Schwindel und Erbrechen häufig vor. Lokale Händler raten explizit davon ab, den Pilz absichtlich roh zu essen. Der Forscher hat sein Studienobjekt darum auch nur im gekochten Zustand probiert.
